Begabungen erkennen - Begabungen fördern

(Neckargemünd, 29.04.2010) „Wer Stärken stärkt - schwächt Schwächen und beglückt, weil er dadurch auch das Selbstbe-wusstsein stärkt“, war die Kernthese im Vortrag von Joëlle Huser.
Klaus Dieter Neff vom Leonardo da Vinci Gymnasium begrüßte die Gäste sowie die anerkannte Schweizer Wissenschaftlerin Joëlle Huser innerhalb einer Vortragsreihe zum Thema Hochbegabung bei der SRH Neckargemünd.
Joëlle Huser ist Sekundarlehrerin und «Specialist in Gifted Education» (ECHA) und verfügt über langjährige Erfahrung in der Lehrer/innen-Ausbildung und -Fortbildung. Seit 1995 engagiert sie sich aktiv im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung. Sie hat sich unter anderem bei Joe Renzulli an der Universität von Connecticut (USA) weitergebildet.
„Meine Tochter hatte gleich mit Beginn ihrer Grundschulzeit enorme Probleme – nicht in der Schule sondern zuhause und zwar körperliche Probleme, wie Bauchschmerzen, Unwohlsein und Ähnliches. Eine Psychologin stellt bei ihr eine Unterforderung fest und als meine Tochter eine Klasse übersprungen hatte, waren alle Probleme beseitigt“, erzählt Joëlle Huser wie Sie zum Thema Hochbegabung gekommen ist.
In ihrer Praxis in Zürich berät sie heute Schulleitende, Eltern, Lehrpersonen und erstellt Potenzialanalysen. Bei dieser Arbeit sei der diagnostische Part, also die Frage, wie erkenne ich überhaupt einen Menschen mit besonderen Begabungen, der schwerste.
„Es gibt bestimmte Faktoren, die eben diese Diagnose erschweren, so muss beispielsweise erkannt werden, ob es sich bei einer Testperson tatsächlich um eine Art der Unterforderung handelt oder ob der Grund schlichtweg eine altersbedingte emotional Unreife ist“, machte Huser, die Schwierigkeit, Hochbegabung zu erkennen, deutlich.
Erschwerend komme hinzu, dass bei besonders begabten Menschen eine hohe Leistungsfähigkeit in einem Bereich mit frappierenden Schwächen in einem anderen Bereich gekoppelt sein kann. Joëlle Huser verdeutlichte diese Tatsache am Beispiel eines jungen Fünftklässlers, bei dem zum einen Legasthenie festgestellt wurde, er zum anderen im
Bereich logisch-mathematisches Denken bereits die Leistungsfähigkeit eines 16-Jährigen hatte.
„Meine Damen und Herren, stellen sie sich vor, sie müssten an einer Deutschstunde für Anfänger in einer chinesischen Schule mit ausschließlich chinesisch sprechenden Schülern teilnehmen. Sie müssten das fünf Stunden am Tag, von Montag bis Freitag, sechs Monate lang tun – es gibt keinen Ausweg. Da sie das alles schon kennen, wird sich beim einen früher beim anderen später ein massives Gefühl der Unterforderungen, Stress bis hin zur Aggression einstellen – so ähnlich kann sich eine permanente Unterforderung eines Schülers mit besonderer Begabung anfühlen“, ließ Joëlle Huser ihre Zuhörer an einem kleinen Experiment teilhaben.
Sie führte im Weiteren mögliche Symptome von Unterforderung an, wie Konzentrationsabnahme und Flüchtigkeitsfehler, Leistungsverweigerung, Depression und Aggression.
Den zweiten Teil ihrer Ausführungen widmete Joëlle Huser zehn Merkmalen, mit Hilfe derer man die Qualität von Begabtenförderung bewerten kann – dazu gehören Parameter wie Ressourcen, Evaluation, Kontinuität, Fachpersonal um nur einige zu nennen.
Fazit:
Die Veranstaltung sowie der Vortrag von Joëlle Huser waren für die Zuhörer umso interessanter, weil sie es verstand die theoretischen Erkenntnisse der Begabtenförderung in sehr anschaulicher Art und Weise mit zahlreichen Beispielen aus ihrer täglichen Praxis zu verdeutlichen. Die zahlreichen Besucher konnten mit einer Menge neuer Eindrücke und Anregungen den Heimweg antreten.


