Schule für Hochbegabte

(Neckargemünd, 16.03.2010)
Leben und Lernen miteinander verbinden Am Leonardo da Vinci Gymnasium wird jeder gemäß seiner Begabungen gefördert.
Es gibt bundesweit eine Reihe von Schulen, die sich auf hochbegabte Schülerinnen und Schüler eingestellt haben. Mit separaten Klassen oder speziellen Förderkursen versuchen sie, den besonderen Fähigkeiten und Bedürfnisse dieser Jugendlichen gerecht zu werden. Darüber hinaus gibt es aber auch Schulen, die sich ganz gezielt und ausschließlich dieser Zielgruppe annehmen. Dazu gehört zum Beispiel das Leonardo da Vinci Gymnasium im baden-württembergischen Neckargemünd.
Altersübergreifendes Lernen
Die Ganztagsschule mit angegliedertem Internat hat es sich zur Aufgabe gemacht, hochbegabte Kinder und Jugendliche zu fördern und setzt dabei in erster Linie auf eine individuelle Betreuung jedes Einzelnen. Das beginnt bereits bei der Zusammensetzung der Klassen. „Diese werden nicht nach Jahrgängen, sondern nach dem Leistungsbild zusammengestellt“, erklärt Schulleiter Ulrich Müller. „Es kann also durchaus vorkommen, dass Siebenjährige und Elfjährige in der Klasse 5 nebeneinander sitzen.“
Ein mehrstufiges Auswahlverfahren, das jeder Schüler vor der Aufnahme durchläuft, sorgt dafür, dass jeder gemäß seiner Leistungsfähigkeit eingestuft wird. Dazu gehört unter anderem das Einreichen einer Bewerbungsmappe inklusive Zeugnisse und Gutachten, die eine Hochbegabung bescheinigen, ebenso wie ein Auswahlverfahren, bei dem die Kinder diverse Tests durchlaufen, die die Schule in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen durchführt. „Nur so können wir uns ein genaues Bild vom Wissensstand und den Fähigkeiten jedes Einzelnen machen“, sagt Ulrich Müller. „Das ist eine unerlässliche Grundlage für die individuelle Förderung. Schließlich soll niemand über- aber auch nicht unterfordert werden.“
Chinesisch und Robotik
Zentraler Baustein dieser Förderung ist das schuleigene Enrichment-Programm, das sich an den Jahrgangsstufen sowie an den Begabungen des Einzelnen orientiert. „Nicht alle Schüler sollen den selben Lehrstoff vertiefen, sondern eine individuelle Berücksichtigung der Stärken des Einzelnen soll helfen, dessen Begabungsprofil auszubauen“, bringt Ulrich Müller den Kerngedanken des Konzepts auf den Punkt. Das Enrichment kann dabei durchaus wörtlich als Bereicherung ins Deutsche übersetzt werden, denn die Angebote führen weit über den im Lehrplan verankerten Unterrichtsstoff hinaus und dienen dazu diesen zu vertiefen und zu ergänzen. Das Portfolio der nachmittäglichen Kurse reicht von Chinesisch über Schach und Architektur bis zu Altgriechisch, Robotik und Bionik – und weiter. „Der Wissensdurst hochbegabter Kinder und Jugendlicher ist enorm“, weiß Ulrich Müller. „Wir bieten unseren Schülern daher ein weitgestreutes Angebot, das sprachliche, musische und naturwissenschaftlich-technische Bereiche abdeckt. Im Vordergrund steht hier das Fordern im Sinne von Herausforderung, weniger das Fördern.“
Starke Gemeinschaft
Ergänzt wird das Zusatzangebot durch die Lernwerkstatt. Dort können Schüler mit der Unterstützung von Fachlehrkräften an ihrem aktuellen Lernstand arbeiten, um mögliche Schwächen zu überwinden. Der Besuch ist nicht verpflichtend und wird auch nicht benotet, sondern dient ausschließlich dazu, die Schüler anzuregen, sich intensiver mit dem Stoff auseinanderzusetzen, um Defizite abzubauen. Dabei kommt auch die soziale Komponente nicht zu kurz, denn die Lerngruppen sind alters- und klassenübergreifend zusammengesetzt. Überhaupt wird am Leonardo da Vinci Gymnasium großer Wert auf diesen Aspekt gelegt. Das spiegelt sich zum Beispiel auch in dem großen Freizeitangebot wider. „Wir verstehen uns nicht als reine Eliteschmiede, in der nur die Leistung zählt“, stellt Ulrich Müller fest. „Sondern als eine Gemeinschaft, die dem Einzelnen Rückhalt bietet und in der Leben und Lernen miteinander verknüpft werden.“
Tim Wolfarth in Die Welt vom 20.02.2010

