Leonardo da Vinci GymnasiumLeonardo da Vinci Gymnasium

Zwischen Kuscheltier und Einstein

Experimentieren: Der Säuretest

(Neckargemünd, 18.06.2008)

SRH bietet Kurse für hochbegabte Grundschüler an

Werden hochbegabte Kinder nicht frühzeitig gefördert, verweigern viele schließlich jegliche Leistung, weil sie sich unterfordert und unverstanden fühlen. 2007 hat das Centrum für Begabtenförderung am SRH Leonardo da Vinci Gymnasium daher „Prima da Vinci“ gestartet: In speziellen Kursen dürfen hochbe-gabte Grundschüler so viel fragen, lernen und experimentieren, wie es ihrer Begabung entspricht.

Im Chemielabor herrscht reger Betrieb. Auf den Nasen der sieben Kinder sitzen große Schutzbrillen, vor jeder Gruppe steht ein Tablett mit bunten Becherchen. Ihr Inhalt: Zitronensaft, Joghurt, Obststücke. Vorsichtig taucht die siebenjährige Vanessa einen Streifen Indikatorpapier in den Becher mit Kiwi. Das Papier färbt sich rotorange, und eifrig vergleichen Vanessa und ihre Nachbarin Chiara die Farbe mit der Tabelle, die auf ihrem Tisch liegt. „Wir experimentieren und sollen herausfinden, was am sauersten ist“, erklärt Vanessa. „Das tun wir in der Schule nicht und mir macht das viel Spaß.“

Eva-Maria Bauer, Chemiestudentin an der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg, schaut den Mädchen über die Schulter. Gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Jaqueline Müller kümmert sie sich heute um die kleinen Forscher. „Wir helfen aus, damit möglichst viele Kurse angeboten werden können“, erklärt Bauer. „Die Kinder sind schnell und wissbegierig. Man merkt, dass sie hier sind, weil sie etwas lernen wollen.“ Wie zum Beweis ruft Vanessa: „Kriegen wir noch mehr zum Testen?“ Als Bauer lächelnd nickt, jauchzt das Mädchen: „Juhu!“

Experimentieren III ist einer von sieben Kursen, die 2008 bei Prima da Vinci angeboten werden – das sind drei mehr als 2007. Es gibt noch zwei weitere Experimentierkurse, eine kreative Schreibwerkstatt, einen Chinesisch-, einen Mathematik- und einen Kunstkurs, der zusammen mit der Jugendkunstschule in Heidelberg geleitet wird. Alle Kurse sind inhaltlich und methodisch auf hochbegabte Kinder zugeschnitten, die Leiter speziell geschult. An zehn Terminen von Februar bis Juli kommen 71 Zweit-, Dritt- und Viertklässler ins Leonardo da Vinci Gymnasium in Neckargemünd.

„Die Idee für Prima da Vinci entstand, weil unsere Erfahrung zeigt, dass vielen dieser Kinder Angebote in der Grundschule fehlen. Wird ihr Talent nicht trainiert, verkümmert es“, erklärt Klaus-Dieter Neff, Leiter des Centrums und Mathematiklehrer am Leonardo da Vinci Gymnasium. „Trotz ihrer Begabung darf man nicht vergessen, dass sie noch Kinder und wissbegierig und verspielt zugleich sind. Wir möchten, dass sie in unseren Kursen Spaß haben und gefordert sind.“

Die Resonanz ist bislang positiv: Ganz ohne Werbung sind alle Plätze ausgebucht, einige Kinder nehmen bereits zum zweiten Mal teil. „Manche Eltern bedanken sich bei uns, ihr Kind sei nach einem Kurs immer ein ganz neuer Mensch“, erzählt Neff.

Sprache entdecken„Fliegen“ steht auf den Karten, die Lehrerin Stefanie Schmitt ausgeteilt hat. Mit bunten Magneten heften die Kinder diese nacheinander an die Tafel. Nils, der Kleinste, muss sich dabei ziemlich strecken. Als alle fertig sind, fragt Schmitt: „Hättet ihr die Zettel auch anders aufhängen können? Überlegt einmal, was darauf steht.“ Sofort schnellen die Hände in die Höhe. Christoph geht nach vorne und schiebt die Zettel so lange zurecht, bis sie eine Treppe bilden. Nils formt einen Flügel. Jedes Kind hat eine Idee: eine Pyramide, ein Flugzeug, ein
F wie Fliegen.

„Ich finde toll, dass wir aussuchen können, was wir als Nächstes machen“, sagt die zehnjährige Alissia, und Schmitt ergänzt: „Ich gestalte die Arbeit offen, damit ich auf die Kinder reagieren kann. Sie wirken ein bisschen erwachsener als ihre Altersgenossen, beschäftigen sich mit anderen Fragen.“

Im Zimmer nebenan schallen derweil völlig anders klingende Wörter durch den Raum: „wèi“, „zàijiàn“ und „niîhâoma“ – „hallo“, „tschüss“ und „wie geht’s?“ – kommt den sechs Jungen und drei Mädchen bereits flüssig über die Lippen. Chinesischlehrerin Wei Holschuh lächelt, als die Kinder eine Bildergeschichte nacherzählen – und dabei schon einige Schriftzeichen erkennen und vorlesen. Der achtjährigen Chiara macht vor allem das Sprechen Spaß. „Ich bin hier, weil ich einfach Lust hatte, Chinesisch zu lernen“, erzählt sie.

Rund 100 Kinder wurden 2008 für Prima da Vinci angemeldet, 71 nehmen an einem Kurs teil. „Wir können leider nicht alle aufnehmen“, bedauert Neff. „Die Gruppen dürfen nicht zu groß sein, damit wir alle intensiv betreuen können. Zudem ist nicht jedes angemeldete Kind hochbegabt.“ Festgestellt wird das durch einen Test, den die Kinder ablegen (siehe Kasten). „Manchmal zeigt sich dabei, dass ein Kind besser in einem anderen Kurs aufgehoben wäre als in dem, den die Eltern bei der Anmeldung angegeben haben. Dann sprechen wir mit ihnen, denn
ein falsches Fach kann auch sehr demotivierend auf ein Kind wirken.“ Geschlechtsspezifische Kursvorlieben gibt es laut Neff nicht. Allerdings würden immer mehr Jungen als Mädchen angemeldet. „Hochbegabte Mädchen fallen weniger auf, denn sie passen sich an, ziehen sich zurück. Jungs hingegen drängen mehr in den Vordergrund, spielen häufig den Klassenclown“, weiß er aus Erfahrung.

 

Von Lurchen und Molchen

Es regnet Bindfäden. Das hat die Experimentiergruppe II jedoch nicht davon abgehalten, zum Teich auf dem Schulgelände zu wandern. Jetzt stehen neun Jungs und ein Mädchen in Gummistiefeln und bunten Regenjacken neugierig um Biologielehrer Hajo Scheckeler herum. Er verteilt drei lange Holzstangen mit grünen Netzen am Ende. Vorsichtig fischen die Kinder damit im Wasser. Der neunjährige Amir freut sich: Neben verschiedenen Pflanzen sind ihm auch drei Molche und eine Larve ins Netz gegangen.

Zufrieden kehren die Kinder ins Trockene zurück, ihre Beute transportieren sie stolz in großen Plastikbehältern. Im Klassenzimmer werden sie gleich ein Protokoll ihrer Erkundungstour anfertigen – mit Zeichnungen und Beschreibungen ihres aufregenden Fangs.

Die Kinder kommen aus der ganzen Region. Die meisten Eltern sind erleichtert, ihren Nachwuchs gut untergebracht zu wissen, und nehmen gerne auch längere Fahrten in Kauf. Manchmal sei es nicht ganz einfach mit Hochbegabten, sagt Martina Link. Ihr Sohn Malte besucht den Mathematikkurs bei Prima da Vinci, ihre Tochter Fabienne das Leonardo da Vinci Gymnasium.

Als Mutter sei sie immer viel unterwegs: Geigen- und Klavierunterricht, musikalische Frühförderung, Sportkurse. Die Kinder wollten immer etwas machen, lernen, wissen. „Zudem gab es in der Grundschule Probleme. Die Lehrer wussten nicht, wie sie die Kinder richtig fördern können, sperrten sich dagegen, dass sie eine Klasse überspringen“, erzählt sie. „Ich bin froh, dass es Malte hier so gut gefällt. Ab Herbst wird auch er ins Leonardo da Vinci Gymnasium gehen.“

 

Nach Lust und Laune ausprobieren

Henri und Wadim beugen sich über ein rundes Blatt Papier. Mit einer Nadel sticht Wadim ein Loch in die Mitte und Henri umrandet es mit einem schwarzen Filzstift. Währenddessen füllt Wadim Wasser in die Petrischale, die vor ihm steht. Dann rollt er ein Stück Papier zusammen, steckt es durch das Loch und Henri legt die Konstruktion auf die Schale. Wie ein Strohhalm beginnt das Papierröllchen, die Flüssigkeit aufzusaugen. Mit dem Wasser verteilt sich auch die Farbe des Stifts auf der Papierscheibe. Ein breiter grauer und ein rosafarbener Kreis entstehen. Begeistert führen die beiden Neunjährigen das Experiment mehrmals durch, mit demselben und mit anderen schwarzen Stiften. Schließlich ruft Patrick Kolbert, Chemiestudent an der PH, alle nach vorne. „Was denkt ihr, was zeigt uns das?“, fragt er. „Das Wasser zieht die Farbe mit“, ruft Henri. „Richtig. Und weshalb sehen manche Bilder gleich, andere unterschiedlich aus?“ Gleichzeitig rufen mehrere Jungen durcheinander: „Jeder Stift hat sein eigenes Bild.“ „Beim selben Stift entsteht immer wieder das gleiche Muster.“ Kolbert nickt und erklärt, dass sich die Farbe in ihre Bestandteile auftrennt. Diese werden unterschiedlich weit vom Wasser mitgetragen, weil der eine schwer, der andere leicht wasserlöslich ist und besser oder schlechter am Papier haftet. „Jede Firma setzt ihre Farben auf bestimmte Art zusammen. Daher lässt sich mit diesem Verfahren, der Chromatographie, zum Beispiel bestimmen, zu welcher Marke der Stift gehört, mit dem etwas unterschrieben wurde.“

Im Mathematikkurs wird derweil eifrig gepuzzelt. Tangram ist dort heute das Thema. „Fertig“, ruft Julius. Er hat sein Puzzle als erster gelöst, der Rest seiner Gruppe knobelt noch vorm Rechner. Die andere Hälfte des Kurses entwirft ein eigenes Tangram. Klaus-Dieter Neff geht durch die Reihen und beantwortet Fragen. „Es ist toll, wenn man sieht, auf welche Ideen die Kinder so kommen. Das macht viel Spaß“, sagt er lächelnd. Nur selten komme es vor, dass ein Kind den Unterricht stört. „Ich glaube, wenn das Angebot passt und wir es schaffen, die Kinder intellektuell zu fesseln, entstehen solche Probleme selten.“

 

Bis zum nächsten Mal

Im Aufenthaltsraum wuseln Kinder durcheinander, ab und an taucht der Kopf eines Erwachsenen auf. Wie ein Ruhepol steht Dieter Rohde mitten im Getümmel. Der pädagogische Mitarbeiter des Gymnasiums kümmert sich um die, die noch darauf warten, abgeholt zu werden. Einige Mütter und Väter waren die ganze Zeit im Pausenraum, haben sich unterhalten, manche haben gearbeitet. Nach und nach leert sich nun die Eingangshalle, aufgeregt klingen die Stimmen der Kinder durch den Raum, während sie beim Hinausgehen berichten, was sie heute erlebt haben. Es gibt viel zu erzählen – wie immer bei Prima da Vinci.

Gabriele Jörg

INFORMATION
Klaus-Dieter Neff
Centrum für Begabtenförderung
am Leonardo da Vinci Gymnasium
Im Spitzerfeld 25
69151 Neckargemünd
Telefon: (06223) 815000
E-Mail: klaus-dieter.neff@ldvg.srh.de
http://www.ldvg.de/

 

Klaus-Dieter Neff

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